11.04.17
Nachdem wir früh schliefen, es arschkalt war (wie erwähnt, die Zelte waren unbeheizt), und die Nacht über immer wieder geregnet hatte, stießen wir des Morgens auf ein Problem, welches aber schnell und spontan von Neele geregelt wurde.

Sie wollte zur Behindertentoilette, machte das Zelt auf, war im Vorraumbereich und ich hörte nur als sie die ersten Versuche machte den Bohlenbretterweg hoch zu kommen: „Ach du Scheisse, ist das glatt, da kommen wir nie hoch! Dreh dich um, ich katheterisiere (für Laien: das Urinieren per „Pipeline“) jetzt hier.“ Da wir uns auch ohne besondere Scheu beide immer da umzogen und ich pflegerisch eh keine andere Chance hatte, kein Thema.

Raus kamen wir dann aber doch noch, der Zufall wollte es, dass die Familie im Baumhaus gegenüber auch gerade zum Frühstück losging und erstmal zu uns kam, wobei selbst der Sohn auf den Brettern mehrfach fast wegrutschte. Die guckten sich bei der Gelegenheit auch mal unser Domizil an und waren erstaunt, wie gut wir es uns zurechtorganisiert hatten. Gemeinsam ging es zum Frühstücksbuffet.

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Nachdem wir geschlemmt hatten, das Buffet ist der Hammer gewesen, beschlossen wir, den Tag vor Ort zu bleiben und das 4-5 Hektar große Gelände auf der deutschen Seite (es geht in Polen noch ein kleines Stück weiter) ausgiebig zu erkunden, egal wie schwierig die Wege auch waren. Da kam halt, wie an vielen anderen Ecken, unser beider Credo „Wollen wir, schaffen wir, machen wir“ wieder in Leuchtschrift zum Vorschein.

Als wir mal wieder gemeinsam aus dem Behindertenklo kamen, es gab wie gesagt nur 1, guckte uns ein Herr etwas irritiert an 😀 Was auch immer er dachte, es war sicher nicht jugendfrei. Dabei war es ganz simpel: Während der eine Zähne putzt, katheterte der andere und dann umgedreht … Zugegeben, es muss etwas mehrdeutig ausgesehen haben.

Neele hat nur einen fragmentarischen Orientierungssinn, mich kann man überall aussetzen, ich finde heim. Mit dieser Konstellation kann es bei einer Geländeerkundung nur krachen oder eben harmonischst laufen. Letztlich lief es ganz einfach, sie sagte den Weg an, ich kam mit und wusste wo man notfalls einen Richtungswechsel einschlug. Da das Gelände aber sehr feingliedrige Wege hatte, kam es auch vor, dass sie lospreschte mit „Ich guck mal da vorn, wie es weitergeht.“ gefolgt von „Da geht es steil runter, ich guck mal“ bis zu „Hilfe, zieh mich hier rauf“. Zum Glück gab es da keine Zeugen 😀

Nach fast 5 Stunden waren wir BEIDE alle und verzogen uns bis zum Abendessen ins Zelt, Karten spielen, Morsezeichen geben, kitzeln, Uno mit 30 Karten 😀 War zwar verdammt dunkel, aber irgendwie ging das und ich durfte immerhin ihr Doppelbett nutzen!

Abends bekam sie ihre Pirogi wieder, diesmal mit großem Apfel-Mangosaft. Ich hingegen nahm Kartoffelwürfel an Ruccola mit Hühnchenspieß an Tomatenmark-Apfelmus. Finally fielen wir extrem früh ins Bett, am nächsten Tag sollte Neeles Highlight stattfinden, die Fahrt nach Herrnhut!

13.04.17
Aufgestanden, alles im Zelt erledigt was dort sonst nicht gemacht wird ;), auf zum Frühstück, vollgefressen, Busplan gefilzt.

Nebenbei konnten wir auch bei den Gästen und Mitarbeitern eine Entwicklung sehen. Wir waren nicht mehr ungewöhnlich, wir waren halt mittendrin. Dass immer mal eine interessierte Frage kommt, da es sicher nicht oft vorkommt, dass 2 Rolliisten gemeinsam ohne weitere Helfer reisen, war uns klar, war von vorneherein einkalkuliert. Denn es ist nun mal nicht alltäglich. Aber gerade darum geht es uns ja. Zeigen, dass es „normal“ ist (wir sind es auf anderer Ebene nicht) zu reisen. Nicht nur Nichtbehinderten, sondern eben auch den Behinderten, für die es behinderungsbedingt möglich wäre, zeigen, dass man mit ein bisschen Mut, Selbstvertrauen und teilweise Planung aus der Komfortzone rausgeht und loslegt!

Kurz nochmal ins Zelt und ab zum Bus. Der Busfahrer konnte den Bus nicht ganz absenken und half uns beiden die Rampe rauf. Bei der Gelegenheit erfuhren wir, dass wir entgegen der Info der Bahn-App tatsächlich bis Herrnhut im Bus bleiben konnten! Entgegen der Planung hielten wir nicht ganz zentral im Städtchen, was sich aber als sehr gut herausstellte, denn wir landeten beim Gemeindesaal der Herrnhuter Brüdergemeine, der Glaubensgemeinschaft, der Neele und ihre Mama angehören.

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Exkurs:

Die Herrnhuter Brüdergemeine ist eine kleine, ökumenisch ausgerichtete, evangelische Freikirche mit 6000 Mitgliedern in Deutschland und 825.000 weltweit.

In Böhmen und Mähren schlossen sich 1457 einige Menschen zur Brüder-Unität zusammen, die nach den evangelischen Reformforderungen und der Bergpredigt Jesu leben wollten. Es wurde eine Bibelübersetzung angefertigt, ein Katechismus und ein Gesangbuch entstanden. Allerdings konnten sie nach dem westfälischen Frieden von 1648 nicht in Ruhe leben, sondern waren der Verfolgung ausgesetzt und konnten ihren Glauben nicht offen leben.

Einige von ihnen suchten 1722 Asyl bei dem Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf in der Nähe von Görlitz. Auf seinem Landbesitz gründeten sie den Ort Herrnhut, da sie sich hier geborgen unter der Hut des Herrn fühlten.

Es entstand ein reges Gemeinschaftsleben, zu dem sich viele evangelische Gläubige der unterschiedlichsten Richtungen hingezogen fühlten. Verbindend war für sie alle, an Jesus Christus zu glauben. Viele Lieder entstanden. Sie gaben dem Glauben Ausdruck, dass sie befreite und frohe Menschen sein können. Zinzendorf gab 1728 der Gemeinde ein Losungswort in den Tag mit, fortan wurde dies zum täglichen Ritual. Daraus entstand das bis heute in aller Welt verbreitete Losungsbuch.

1732 zogen auf Bitten des schwarzen Kammerdieners Anton die ersten Missionare nach West – Indien (Karibik). Heute ist aus diesen Anfängen eine kleine, weltweite Kirche geworden, die Evangelische Brüder-Unität (Unitas Fratrum, Moravian Church, Iglesia Moravia). Sie umfasst in 19 Provinzen Christen aus vielen Völkern und Sprachen in Süd- und Ostafrika (Neeles Uropa war Missionarssohn in Tansania), auf dem amerikanischen Kontinent von Alaska bis Südamerika, in Palästina, Nord – Indien und Europa.

Die für das 18. Jahrhundert ungewöhnliche Missionstätigkeit brachte es mit sich, dass die Brüder-Unität eine von dem damaligen Staatskirchentum unabhängige Freikirche wurde mit eigener Verfassung, Synode und Kirchenleitung. Jesus Christus ist alleiniger Herr und Haupt, Grundlage und Ziel der Gemeine, die sich um das Wort Gottes sammelt.

In Deutschland bekannt sind auch die Weihnachtssterne mit den vielen Spitzen, Herrnhuter Sterne genannt. Die wenigsten haben aber diesen Namen schon mal gehört.

Exkursende

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In der sogenannten Herrnhuter Sternemanufaktur verbrachten wir, nachdem ich mir den Gemeindesaal, einen Herrnhuter Sterne-Laden und die Architektur vieler Häuser genau angesehen hatte, viele Stunden. Einerseits werden dort die Gemeine-Geschichte und die Geschichte der Sterne geschildert, andererseits wird dort ganztägig durch wechselnde 6 Damen die Fertigung der Sterne in der üblichen reinen Handarbeit gezeigt. Nach einer mehr als üppigen Stärkung mit hohem Knoblauchgehalt (2 Tage später noch zu bemerken) wurde noch die überörtlich bekannte Bäckerei „geplündert“, bevor wir durch beidseitige Blödheit 1 Stunde auf den Bus für die Rückfahrt warten mussten! (Zum Amüsement der Passanten, da wir nur Dummfug im Kopf hatten).

Zurück ging es dann irgendwie gefühlt schneller, was für mich gut war, da ich bemerkte, dass ich pflegerisch mehr zu tun haben würde.

Ich erwähnte in einem vorherigen Posting mein Vorab-Trainingslager Pflege, letztlich habe ich aber ganz anders (bereits am Tag vor der Abreise aus Verden) agiert. Ohne unappetitlich ins Detail zu gehen: Eigentlich wie fast jeder Nichtbehinderte, nur mit Windel und bäuchlings liegend, nachdem es eigentlich zu spät ist 😉

Dieses „mehr zu tun“-Gefühl hatte ich schon länger und Neele sei dank, die mich immer mal motivierte und im gewissen Sinne beruhigte, während der Aktion ihre Anfänge in dem Bereich Selbstpflege schilderte und damit mich wieder in die Spur brachte.

Nach etwas ausgedehnter Pflegepause und „Verpissen“ (ihr müsst nicht alles wissen :P) von Neele, ging es zum diesmal sehr süßen Abendessen, nur Nachtisch! Mini-Krapfen in Vanillesoßenpudding mit heißen Kirschen bzw. Nusskuchen mit Heidelbeeren. Der letzte Abendspaziergang führte dann zum Kakadu des Platzes und auch die beiden Pfauen begegneten uns in ungewöhnlich luftiger Höhe.

Das Packen im 4/5 dunklen Raum war dann sehr abenteuerlich, aber da wir am letzten Morgen 5.30 Uhr aufwachen mussten, war es so noch am besten. Nach einer abschließenden ausführlichen Uno-Runde hieß es dann gegenseitig „Gute Nacht“.

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